Wie wir der Selbst-Erkenntnis aus dem Wege gehen.

William Law schrieb: „Wenn Gott auch überall gegenwärtig ist, so für dich nur im Innersten deiner Seele. Deine natürlichen Sinne können Gott weder in Besitz nehmen noch sich mit ihm vereinen. Deine geistigen Kräfte, Verstand, Wille, Gedächtnis können sich lediglich auf Gott hin ausrichten, aber nicht seine Wohnstatt in dir sein. In deinem Innern ist dir doch eine Wurzel oder eine Tiefe, der alle Fähigkeiten entspringen wie Linien von einem Mittelpunkt oder wie Äste vom Stamm eines Baumes ausgehen. Sie heißt die Mitte, der Kern, der Grund der Seele. Diese Tiefe ist die Einheit in Ewigkeit. Ich hätte fast gesagt, die Unendlichkeit deiner Seele.“

Diese Haltung einerseits und andererseits der kühne Versuch (der mit der Reformation begann und im Fundamentalismus endete), die Bibel buchstäblich und nur buchstäblich zu nehmen, gerade zu einer Zeit, als deren Bedeutungsfülle vom Götzenbewusstsein auf subtile Weise unterminiert wurde - das sind die zwei entgegengesetzten und komplementären Pole, um die sich der Protestantismus bisher gedreht hat.
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Und dennoch, für ein feines und aufrichtiges, moralisches Gespür ist vielleicht in keinem der beiden geschilderten Fälle die Beziehung zwischen Moralität und Imagination so irrelevant, wie es zuerst erscheinen mag. Die Verbindung zwischen Geist und Herz ist ein überaus zartes Geheimnis, und Härte ist hier ansteckend. Meiner Überzeugung nach wird es sich zeigen, dass auf einer, wenn auch noch so tiefen Ebene ein berechtigeter Zusammenhang zwischen dem besteht, was ich 'Buchstäblichkeit' genannt habe, und einer gewissen Verhärtung des Herzens.

Beobachtet man aufmerksam die Reaktion eines abgestrumpften, am Buchstäblichen hängenden Geistes auf das, was sich immerfort als Allegorie oder Symbol darstellt, wird man eine bestimmte Gereiztheit feststellen, d. h. die Anfänge einer Aggressivität, die sich in der Ablehnung andeutet. Hier liegt meiner Meinung nach eine im Tiefen verborgene moralische Geste vor.

Man hört z. B. von buchstäblich gesonnenen Menschen, dass sie den Verdacht hegen, 'man wolle ihnen etwas'. Und das trifft wirklich zu, denn man will ihnen in dem selben Sinne etwas, in dem auch ihr Unterbewusstsein ihnen durch symbolische Träume 'etwas will'.

Solche Menschen sind sich dunkel der Tatsache bewusst, dass versucht wird, ihre Götzenbilder zu zerschlagen; und dass sie eingeladen sind, ihren Fuß auf einen langen Weg zu setzten, der am Ende zur Selbst-Erkenntnis führt - mit all den belastenden Erniedrigungen, die das mit sich bringt. Hiergegen hegen sie eine instinktive Abneigung und bevorzugen es, 'buchstäblich-gesonnen' zu bleiben. Doch dass sie dies tun, wird ihnen kaum bewusst, das sie ja gerade der Selbst-Erkenntnis aus dem Wege gehen."

aus Owen Barfield - Die Evolution des Bewusstseins

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