Grundlagen der Grundlagenbildung

Vor ungefähr 200 Jahren, im Februar 1809, trat Wilhelm von Humboldt seinen neuen Job als preußischer Kultusminister an. Das ist lange her, dennoch fällt Humboldts Name in jeder bildungspolitischen Debatte in diesem Land. Das liegt an einer gängige Formel für das, was wir heute von den Absolventen unserer Schulen erwarten: Sie müssen das Lernen des Lernens lernen.


Das "Lernen lernen" ist haargenau die Funktion von Schule, die Humboldt in seinem Königsberger Schulplan von 1809 festschreibt. Humboldt war der erste, der zukunftsfähig definiert hat, was Schulabgänger können müssen, um in Gesellschaft und Beruf zu bestehen.

Bei ihm hieß das "Bildung". Heute heißt das "Kompetenz-Orientierung". Und das ist nicht alles: Er hat Prüfungen für angehende Lehrer eingeführt und die Forschung zur Aufgabe der Universitäten erklärt. Auch das Abitur geht wesentlich auf ihn zurück. Für ihn war das Abitur eine verbindliche Prüfung als Voraussetzung des Uni-Besuchs.

Humboldt hat das ganze Bildungssystem strukturiert. Er wollte nie, dass der Staat alles bis ins Detail reguliert. Er setzte auf überprüfbare Standards und vertraute darauf , dass die entsprechenden Leistungen erbracht wurden. Er ließ die Abiturprüfungen von Fachleuten kontrollieren, ebenso die Leistung der Schulen, nach dem Prinzip: "Zeigt mir, dass ihr Lehrer habt, die die Schüler zur Hochschulreife bringen. Ansonsten habt ihr Gestaltungsfreiheit."

Humboldt sah eine Pflicht zum Unterricht, aber der konnte auch in der Familie stattfinden. Er sagte deutlich: Gesinnungen zu bilden ist nicht das Recht der Schulen. So urteilt heute auch das Bundesverfassungsgericht. Die öffentlichen Schulen sollen Parallelgesellschaften verhindern und zur Toleranz erziehen.

Wenn Humboldts Prinzipien fest verankert worden wären, wären unsere Schulen eigenständiger, lokal stärker verwurzelt und vor Ort in der Verantwortung, staatlich finanziert, aber nicht gegängelt. Wir hätten eine Gesellschaft, die viel in Bildung investiert, wie Humboldt das forderte.

Humboldt hinterließ uns eine Vision. Er wollte alle jungen Menschen mitnehmen. Das rief das Entsetzen mancher Zeitgenossen wach. Viele der Elite fürchteten, man würde sich die Revolution ins Haus holen, wenn man die Leute alphabetisiert.

Aufgabe der Schulen war für Humboldt nichts weniger als "allgemeine Menschenbildung". Es ging ihm um Bildung, unabhängig von Herkunft und Beruf - Bildung in den grundlegenden Fähigkeiten: Der Tagelöhner wie der Gelehrte müssen laut Humboldt so ausgebildet werden, dass der eine nicht zu roh und der andere nicht zu verschroben wird - beide sollen also über eine lebensnahe Grundbildung verfügen.

Humboldt ist auch ein Vordenker der Chancengleichheit: Wer Leistung bringt, marschiert nach oben durch, egal wo er herkommt. Kein Wunder, dass der Adel mit seinen Privilegien Sturm lief gegen die Reformen. Heute definieren wir Gleichheit eher in einem sozialistisch-egalitären Sinne. Wir denken Gleichheit vom Ergebnis her. Humboldt hingegen ging es um die Gleichheit der Chancen im Wettbewerb.

Der größte Fehler der letzten Jahrzehnte war, das Leistungsprinzip als undemokratisch zu denunzieren. Die Abkehr vom Leistungsgedanken hilft auch Kindern nicht, denn sie wollen etwas leisten. Seit Pisa kann man zum Glück wieder über Leistung reden, ohne beschimpft zu werden.

Aber, sagen manche, Leistung hat doch immer etwas gezählt. Bildung ermöglicht den sozialen Aufstieg. Leider zeigen aktuelle Forschungsergebnisse das Gegenteil: Besitz und Macht haben viel mehr Einfluss auf den Weg nach oben. Dann kommt die Herkunft und als viertes die Bildung.

Aufsteig hat also etwas mit gelerntem sozialen Verhalten zu tun, das durch das Elternhaus vermittelt wird. Warum sind denn so viele Vorstände von Dax-Konzernen ihrerseits Kinder aus der Oberschicht? Es ist die Fähigkeit, sich so zu bewegen, dass man in einem gehobenen Milieu nicht negativ auffällt. Stellen Sie sich vor, Sie säßen mit zerrissenen Jeans und T-Shirt in einer Vorstandsitzung. Da würden die anderen wahrscheinlich komisch schauen - und Sie nicht ernst genommen werden.

Für Humboldt waren Bildung und Schule Einrichtungen der Integration in die Gesellschaft, zugleich wurde die Eigenkultur von Minderheiten, beispielsweise die Religion bei den Katholiken auf dem Land oder den Juden in den Städten, im Bildungswesen anerkannt. Das ist das erste, öffentliche Modell interkultureller Erziehung.

Humboldts Konzept ist: Die Schüler sollen in ihrer eigenen Sprache handlungsfähig sein und gleichzeitig im Deutschen, also in der Verkehrssprache, kommunizieren können, um an der nationalen Gemeinschaft teilnehmen zu können.

Ihm ging es um politische Teilhabe. Die Nation ist für ihn die Gemeinschaft der gebildeten Bürger. Ihre Mitglieder sind fähig, die öffentlichen Dinge zu gestalten. Humboldt zielte damit nicht auf die oberen Zehntausend der preußischen Gesellschaft. Er meinte alle, auch das Volk. Seine Prinzipien waren modern. Bildung soll zentrale Normen vermitteln, nach denen wir unser Leben regulieren. Es geht um das Bewusstsein, sein Leben über eigene Anstrengung zu organisieren und sich zivil und kultiviert zu verhalten.

Humboldt beobachtete genau, und kannte die Welt. Er lieferte uns den Schlüssel dafür, wie Schule erfolgreich sein kann. Nämlich indem sie Kompetenz und Sittlichkeit zugleich vermittelt. Gerade in den Risikogruppen fehlt auch heute das Bewusstsein, dass wir für unser eigenes Schicksal erst einmal selbst verantwortlich sind, bevor wir nach dem Staat rufen. Wenn die Schule den Jugendlichen das nicht vermittelt, wer dann?

Frei nach SPIEGEL, Ausgabe 3/2009, Interview mit Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth.

Es war übrigens auch Humboldt, der Noten als neue Zugangsmöglichkeit zu Bildung außerhalb des Geburtsrechts des Adels erfunden hat. Haben Noten heute noch diese Bedeutung oder ist diese Grundidee inzwischen völlig auf den Kopf gestellt?